Märchen

„Es lohnt sich, geduldig zu beobachten, was in der Seele im Stillen geschieht, und es geschieht das Meiste und Beste, wenn es nicht von außen und oben hineinreglementiert wird.“
C.G. Jung

Schon immer haben Märchen therapeutische Bedeutung. Die darin enthaltenen Symbole sind Urbilder der Menschheitsgeschichte.

„Das Thema aller Themen der Märchen ist: Der Weg des Menschen, die Suche nach dem Glück, die Sehnsucht nach Erfüllung. Immer wieder machen sich Menschen auf den Weg, um die Not zu lindern, einen geheimen Schatz zu finden,  gefährliche Gefahr zu bannen. Der Mann sucht die Gefährtin und Partnerin für`s Leben, die Frau den Gefährten und Partner. Letztendlich sucht jeder nach seiner eigenen Wahrheit, seiner wahren Gestalt, nach dem, was sein Leben sinnvoll macht und erfüllt. Der Weg des Märchenhelden ist voller Gefahren. Offenbar will uns das Märchen sagen: die Welt ist kein Paradies und kein Schlaraffenland. Es gibt böse Mächte und dunkle Gestalten, die dem Helden und der Heldin auflauern, sie vom Weg abbringen wollen und sie verzaubern können. Menschen können in Tiere, Pflanzen und Steine verwandelt werden, die erstarren und fallen in einen tiefen Schlaf. Aber damit endet das Märchen nicht. Es erzählt vielmehr, dass auch der Verzauberte und Erstarrte wieder zum Leben zurückgerufen werden kann. Allerdings ist er darauf angewiesen, dass sich ein anderer auf den Weg macht und die Gefahren besteht und den Zauber löst. Das Märchen ist davon überzeugt, dass nicht die dunklen Mächte triumphieren werden, sondern das Gute siegen wird. Deshalb kann man sagen, dass die Märchen eine ermutigende Wirkung haben und Hoffnung stiften, sie sagen: Finde dich nicht mit dem Unglück ab, es muß eine Lösung geben! Man kann viele Märchen als Reifungsgeschichten des Helden und der Heldin lesen. Am Anfang ist das Kind noch unreif und unerfahren. Es muß bestimmte Stufen und Etappen durchlaufen, um allmählich seine Fähigkeiten und Kräfte zu entfalten. So muß es z.B. Abschied von seinen Eltern nehmen, muß die Ängste des Allein seins durchlaufen, muß die Grenzen seiner Möglichkeiten erkennen und Enttäuschungen und Niederlagen erleiden. Aber es lernt dazu, wird allmählich kundig und erfahren und gewinnt Selbstvertrauen und Kraft. Der Märchenheld muß sich auf seinem Reifungsweg bewähren. Die Bewährungsprobe besteht häufig darin, daß er sich von der Not anderer treffen läßt, mitleidig von seinem Reiseproviant an Hungernde abgibt oder den notleidenden und verfolgten Menschen oder Tieren beisteht. Wenn er nicht nur an sich denkt, sonern auch aufmerksam für andere wird, dann kann ihm ebenso geholfen werden…Ein typisches Märchenmotiv ist, dass „magische Helfer“ dem Helden beistehen und mit ihren geheimnisvollen Kräften die scheinbar unlösbaren Aufgaben zu lösen helfen. Am Ende der Märchen wird oft erzählt, dass ein Fest gefeiert wird, eine Hochzeit oder ein Freudenfest. Manchmal wird auch der Märchenheld König und besteigt den Thron, oder die Heldin wird zur Königin erhoben. Man kann diese Bilder verstehen als symbolischen Ausdruck des Reif-geworden-seins. Der Lernprozess ist durchlaufen, die Bewährung gelungen, die Gefahr beseitigt. Nun hat der Held seinen Platz gefunden, wo er wirksam werden kann und wo er seine Fähigkeiten zum Wohle anderer entfaltet.“ (Dipl.Psych.Dr. Gudrun Gouda) Wer sich also mit einem Märchen befaßt,  gerät innerlich in Bewegung.